Interview mit einem Gamesüchtigen

Steckbrief

Vorname: Simon

Jahrgang: 1988

Beruf: Lehrling Fachmann Betriebsunterhalt

Status: Ex-Gamesüchtiger

Interview

Die meisten von uns spielen manchmal Games, trotzdem werden längst nicht alle süchtig danach. Weisst du, wie oder weshalb das Gamen bei dir zu einem Problem wurde?
Ungefähr im Alter von 7 Jahren erhielt ich einen Game Boy. Besonders toll fand ich das gemeinsame Spielen mit Freunden und meinem Vater. Doch später wurde es immer mehr. Wenn ich von der Schule nach Hause kam,
begann ich sofort mit dem Gamen und auch mit Freunden zockte ich nur noch. Besonders schlimm wurde es aber vor allem nach der Trennung meiner Eltern. Es war niemand da, der mich kontrollierte, und ich spielte an den Wochenenden bis zu 24 Stunden.

Bekamst du keine Probleme mit deiner Gesundheit oder deinem Umfeld?
Doch, sehr! Zunächst arbeitete ich noch 100 % und spielte jeweils am Abend bis um 3 Uhr morgens, schlief aber deswegen viel zu wenig. Ich war unglaublich unordentlich, mein Job, die Körperhygiene und die Ernährung litten stark. Ich ass unregelmässig und nur noch Fertiggerichte, die möglichst schnell verschlungen werden konnten. Als ich dann diesen Job wegen den Folgen des Gamens verloren hatte, wurde es noch schlimmer und ich zockte durchschnittlich mindestens 20 Stunden pro Tag. Bei meinen Freunden meldete ich mich überhaupt nicht mehr, bis ich im realen Leben keinen einzigen Freund mehr hatte.

Hast du selbst realisiert, dass du ein Problem hast und Hilfe brauchst?
Ja, aber erst, als ich aufgrund meiner Mangelernährung und des Untergewichts zusammengebrochen bin und
notfallmässig ins Spital eingeliefert wurde. Dort wurde ich das erste Mal auf mein Problem angesprochen. Wieder zu Hause bekam ich mit, wie ein Gamer-Kollege schwere Depressionen entwickelte. Dank diesen beiden Vorfällen wurde mir klar, dass sich irgendetwas in meinem Leben ändern muss, und ich habe mich selbst in die UPK (Universitäre psychiatrische Kliniken) eingeliefert.

Und wie erging es dir in der Therapie?
Am Anfang war es ganz schlimm. Ein Leben ohne Gamen war undenkbar für mich. Es brauchte viel Kreativität und Geduld meines Therapeuten, damit ich mich überhaupt auf eine Behandlung einlassen konnte. Nach eineinhalb Monaten stationär in der UPK kam ich auf den Bernhardsberg in Oberwil. Da wohnte und arbeitete ich ca. ein Jahr, bevor ich für ein halbes Jahr in eine betreute 4er-WG einzog. Dank der Arbeit und geregelten Essenszeiten hatte ich wieder eine Tagesstruktur, was enorm wichtig für mich war. Weiter war der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich.

Und wie geht es dir heute? Hast du die Gamesucht überwunden?
Mein Ziel ist es, Schritt für Schritt ein selbstständiges Leben aufzubauen. Ich habe soeben meinen Schulabschluss nachgeholt. Dafür musste ich ordentlich büffeln, habe aber dann als Klassenbester mit der Note 5,6 abgeschlossen. Einen Betreuer habe ich immer noch, aber in Kürze werde ich in eine eigene WG ziehen und meine Lehre als Fachmann Betriebsunterhalt beginnen. Und ich habe neue Hobbys wie Billard spielen, Biken, Reiten, Freunde treffen und Faulenzen für mich entdeckt. Geheilt von meiner Sucht bin ich aber noch nicht. Es kommt immer wieder mal zu einem Rückfall und ich zocke 12 bis 18 Stunden am Tag, bis es auffliegt. Die Versuchung ist also nach wie vor sehr gross
für mich. Wenn ich aber daran denke, was ich mittlerweile alles aufgebaut und geschafft habe, komme ich meist zum Schluss, dass es sich nicht lohnt, nochmals der Versuchung zu erliegen. Mein Ziel momentan ist eine totale Game-Abstinenz.

Was rätst du jugendlichen Gamerinnen und Gamern? Gibt es etwas, das du ihnen mit auf den Weg geben möchtest?
Wichtig ist, dass der Freundeskreis und die Familie wach sind und genau hinschauen beim Gameverhalten der betroffenen Person. Hat jemand zum Beispiel Probleme, wenn er oder sie mal nicht gamen kann, zieht sich zurück und reagiert nicht mehr auf Nachrichten, sind das klare Anzeichen für ein problematisches Verhalten. Dann ist es wichtig, zu handeln und sich jemandem anzuvertrauen. Weiter rate ich Jugendlichen, bei sich selbst wachsam zu sein. Ist man ehrlich mit sich selbst, merkt man, dass etwas nicht stimmt und man ein Problem hat. In dieser Situation sollte man unbedingt das Gespräch mit jemandem suchen, egal ob vertraute Person aus dem privaten Umfeld oder direkt mit einer Fachperson.
 

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